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Jack Kerouac: „Die Dharmajäger“ – Der Berg ruft, der Mann folgt

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Jack Kerouacs „Die Dharmajäger“ erscheint 1958, ein Jahr nach „On the road“, dem Klassiker der Beat-Generation, der schnell zur Bibel aller Roadtrippers wird. Der Roman, der in der Erstübersetzung von 1963 „Gammler, Zen und hohe Berge“ heißt, startet natürlich mit einem Aufbruch: „An einem Mittag im späten September 1955 sprang ich in Los Angeles auf einen Güterzug, ließ mich mit meinem Seesack unter dem Kopf und übergeschlagenen Beinen in einem offenen Waggon nieder und betrachtete die Wolken, während wir nordwärts in Richtung Santa Barbara am Strand rollten.“

Versprechen vom Sein statt Haben

Der Protagonist Ray Smith ist wie so oft bei Kerouac ein Alter Ego des Autors. Während seiner USA-Tour besucht er Japhy Ryder, der sich mit den Schriften des chinesischen Gelehrten Han-Shan auseinandersetzt. In dessen Versen findet die Gruppe, zu der weitere junge Männer gehören, das Versprechen eines anderen Lebens: Sein statt Haben, Wissen und Einkehr, das anti-kapitalistische Mantra halt, das auch heute gefragt ist.

Auf die Lektüre von Han-Shan folgen Wanderungen. Zu dritt brechen die Männer auf, um unter anderem den kalifornischen Matterhorn Peak zu erklimmen: „In den vom Abendlicht beschienenen Gipfeln sah ich die Hoffnung. Japhy hatte recht gehabt.“

Ein Autor des Coming of Age

Mehr als 70 Jahre nach der Erstveröffentlichung liest man den Roman mit einer gewissen nostalgischen Neugier: wie unbekümmert die US-Landschaft zur Projektionsfläche der Träumer wird; wie die Männer, die kaum verhohlene Pappfiguren von Persönlichkeiten der Beat-Generation sind, versuchen, Prinzipien des Zen-Buddhismus zu folgen, und doch eher Proto-Hippies sind, die die Lehre von Han-Shan vulgarisieren, zu viel rauchen und ihre eigene Poesie zu sehr abfeiern.

Insgesamt hat Jack Kerouac dasselbe Schicksal wie Hermann Hesse ereilt: Er gehört zwar zum Kanon, sein „On the road“ ist ein Klassiker des 20. Jahrhunderts. Aber er ist ein Autor des Coming of Age, damals wie heute, eine Koryphäe des Freiheitsdrangs, der alle mal erfasst. Dafür und nur dafür wird er gelesen. Auch Matthias Nawrat, der ein Nachwort beigesteuert hat, ist auf diesem Weg auf ihn gestoßen: „Als ich das erste Mal Kerouac las, war ich gerade 17 Jahre alt.“

Männerbild aus Mönch, Poet und Rowdy

Abseits jugendlicher Euphorie stellt sich aber die eine oder andere Frage. Wie hält man es mit dem Männerbild im Roman, diesem Mix aus Mönch, Tramp, Rowdy und Poet? Mit diesen Jägern des Dharmas, die ständig trinken, noch mehr sinnieren und dabei Selbsterleuchtung nicht selten mit Selbstgefälligkeit verwechseln? Und wie steht es um die Sprache, die absichtlich schludrig sein möchte, der ihr Stilwille aber immer wieder entgleitet und die dann bloß wirr ist?

Letztlich sind auch das gute Gründe, die Neuübersetzung von Thomas Überhoff zur Hand zu nehmen. Um den typischen US-Flair der 50er-Jahre ins Ohr zu bekommen, das Rohe, Weite und Exzessive. Um sich in der entdeckungswürdigen Berg- und Bergsteigerprosa Kerouacs zu verlieren, die seinem Fetisch der Bewegung einen Augenblick der Kontemplation entgegensetzt. Und um sich die Frage zu stellen, ob man nochmal mitziehen will, wenn Jack Kerouac mal wieder seine Reise ins Offene antritt.

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