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Tausende Tode für Österreichs Freiheit – noe.ORF.at

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Die Apothekerhelferin Maria Sip, die in Almosen (Bezirk Zwettl) geboren worden war, vermittelte etwa Verbindungen für Mitglieder des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei (KPÖ) und stellte ihre Wohnung für Besprechungen zur Verfügung. „Das hat für die Nazis schon gereicht“, erzählt Christian Rapp, wissenschaftlicher Leiter im Haus der Geschichte Niederösterreich in St. Pölten.

Am 14.  Juli  1942 wurde Sip verhaftet und am 7.  Februar  1944 zum Tode verurteilt. In ihrem Urteil heißt es, dass „wiederholt politische Aussprachen (…) meist in der Wohnung der Angeklagten stattfanden“. Zudem wollte ein KPÖ-Funktionär im Herbst 1941 ehemals sozialdemokratisch eingestellte Ärzte für die Mitarbeit in der Organisation gewinnen. Sip „trat deswegen dann an den ehemaligen jüdischen Arzt Dr. Knopf heran“, der ihr die Anschrift von zwei Ärzten mitteilte. Am 7. April 1944 erfolgte deshalb im Landesgericht in Wien ihre Hinrichtung.

100 Jahre NÖ Widerstand NS 2. WK Maria Sip


Privat

Unterschlupf war Konspiration

Obwohl Sip „nur“ ihre Wohnung zur Verfügung gestellt hatte, spricht Rapp von einer „nicht zu unterschätzenden Rolle“, gerade beim weiblichen Widerstand: „Es war das damalige Rollenverständnis, dass die Leute auch versorgt werden mussten, und wenn man solchen Leuten Unterschlupf gegeben hat oder Besprechungen abhalten konnte, war das für die Nazis Konspiration.“

Die Kommunisten waren es auch, die gerade in den ersten Jahren nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich den größten bzw. „waghalsigsten“ Widerstand ohne Rücksicht „auf Leib und Leben“ leisteten, betont Rapp und begründet das damit, dass die Partei bereits seit 1934 verboten und „schon länger gewohnt war, in der Illegalität bzw. im Untergrund zu arbeiten. Sie waren die Kämpferischsten von allen.“

Widerstandskämpfer in Niederösterreich

Im Unterschied zu den Sozialdemokraten hatten die Kommunisten mit der Sowjetunion auch noch eine Organisation. Deswegen galten sie nach dem Überfall der Nazis auf die Sowjetunion 1941 auch als militärischer Gegner und wurden besonders radikal verfolgt. Von den einst etwa 15.000 Sympathisanten in Österreich stand die Hälfte vor Gericht, 1.200 wurden zum Tod verurteilt. „Das hat es in keiner anderen Widerstandbewegung gegeben“, so Rapp.

Nadelstiche statt „heroische Attentate“

„Heroische Attentate“, wie jenes von Stauffenberg, gab es in Niederösterreich nicht, sagt Rapp. Allerdings kam es immer wieder zu vielen kleinen Nadelstichen, „die trotzdem eine Rolle spielen“. So kam es etwa in Industriebetrieben zu Sabotageakten. Dazu zählte etwa Johann Ebner, Landesleiter der illegalen Kommunistischen Partei, der als Schweißer bei der Reichsbahn arbeitete und dort eine Widerstandszelle organisierte. Diese verbreitete Flugblätter, in denen zum Aufstand gegen das NS-Regime aufgerufen wurde.

Johann Ebner 100 Jahre NÖ Widerstand NS 2. WK


DÖW

Johann Ebner (1898 – 1943) aus Traisen war zunächst politischer Leiter der KPÖ St. Pölten, später Landesleiter

Ende 1940 gelang es der Gestapo jedoch, einen Spitzel in die Ebner-Gruppe einzuschleusen und bereits Anfang 1941 wurden mehr als 220 Personen festgenommen. Unter ihnen auch Johann Ebner, der zusammen mit sieben weiteren Verhafteten im Juni 1942 „wegen Vorbereitung zum Hochverrat (…) in Verbindung mit Landesverrat und landesverräterischer Begünstigung des Feindes“ zum Tode verurteilt wurde. Am 26. Februar 1943 wurde Ebner im Landesgericht in Wien hingerichtet.

Wo beginnt der Widerstand?

Doch auch die Landwirtschaft hatte laut Rapp Möglichkeiten dem NS-Regime auf ihre Weise zu schaden, etwa indem eine Maschine zerstört wurde. Andere versteckten sich in Gartenhütten, um nicht zum Krieg eingezogen zu werden, verbreiteten illegale Druckwerke, wie Flugblätter und Zeitschriften, oder halfen Verfolgten wie Juden. Damit sollte das Meinungsmonopol des NS-Regimes durchbrochen werden. „Widerstand kann man nicht vergleichen“, betont Rapp.

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zurerinnerung.at

Viele der Widerstandskämpfer wurden wegen ihres Kampfes gegen das NS-Regime am Wiener Landesgericht hingerichtet

Im Unterschied zu anderen besetzten Ländern hatten in Österreich die Widerstandskämpfer in einer von Denunzianten und fanatischen Regimeanhängern durchsetzten Umwelt zu wirken. Die einzelnen Gruppen waren von politischen, ideologischen, religiösen, sozialen, ethischen und patriotischen Motivationen geprägt. „Bei vielen war es ein innerer Prozess, bis sie schließlich gesagt haben: ‚Jetzt muss ich etwas tun, ich schaue nicht mehr länger zu.‘ Und manche haben dabei auch ihr Leben riskiert.“

Sonderrolle der Kirche

Eine Sonderrolle spielte die katholische Kirche, die ein „sehr ambivalentes Verhältnis zu den Nationalsozialisten“ hatte, schildert der Historiker. Auf der einen Seite wurde die Kirche bzw. Kirchenvermögen von den Nazis verfolgt und etwa 800 Geistliche landeten im Gefängnis. Andererseits wurden die Bischöfe vor dem Anschluss „fast schon genötigt oder verstärkt eingeladen, sich zum Anschluss zu bekennen“. Und die Kirche sah die Nazis auch als Partner gegen den Bolschewismus.

Doch gerade für widerständige Geistliche lag der Vorteil darin, dass sie ein großes Netzwerk hatten und es für das NS-Regime „nicht so gut erkennbar war, ob es sich bei einem Treffen etwa um Vorbereitung für das kommende Osterfest handelt oder ob die etwas anderes planen“, bringt es Rapp auf den Punkt. Zudem wurden Predigten genutzt, um subtil das Regime zu kritisieren, etwa als die Vernichtung von – laut NS-Diktion unwerten – Leben in Tötungsanstalten öffentlich angeprangert wurde.

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Kreuz gegen Hakenkreuz

Für Schwester Maria Restituta Kafka, einer in Mödling tätigen Ordensschwester, endete ihr Engagement mit dem Tod. Sie wollte die Einschränkung des Ordenslebens nicht hinnehmen und hängte ohne Erlaubnis der Spitalsleitung Kruzifixe in den Operationssälen auf. Schließlich wurde sie wegen Vervielfältigung eines regimekritischen Liedes bei der Gestapo angezeigt. Wegen „landesverräterischer Feindbegünstigung und Vorbereitung zum Hochverrat“ wurde sie am 30. März 1943 hingerichtet.

Die in Österreich schon ab 1935/36 verbotene Glaubensgemeinschaft „Internationale Bibelforschervereinigung“ (Anm.: Zeugen Jehovas) stellte – als überzeugte Pazifisten – die Ablehnung des Wehrdiensts in den Mittelpunkt ihres Widerstands. Von den damals etwa 500 Mitgliedern kamen an die 150 um. „Für sie war der religiöse Glauben tiefer, aber einen Regimewechsel konnten sie dadurch auch nicht erwirken.“

Schwester Maria Restituta wird von Papst Johannes Paul II seliggesprochen

Auch deshalb, weil es den Nationalsozialisten zwischen 1941 und 1943 gelang, mit Hilfe des Kriegsrechtes den Widerstand „nahezu mundtot machen“, erzählt Rapp. Durch die NS-Propaganda hatte man den Eindruck, dass das Regime „enorm mächtig und militärisch erfolgreich“ war. Zudem konnte die Gestapo zunehmend Spitzel in Widerstandsgruppen einschleusen und auffliegen lassen.

Sendungshinweis

„NÖ heute“, 14.3.2022

Neue Welle des Widerstandes

Erst ab Sommer 1944 keimte eine neue Welle des Widerstandes auf. Zum einen gelang es dem Regime nicht mehr so gut, die totale Kontrolle aufrechtzuerhalten. Zum anderen war das Ende des Krieges absehbar und es bildeten sich immer öfter auch militärische Widerstandsgruppen, etwa im Wechselgebiet. Auch das Stauffenberg-Attentat bestärkte so manche. „Da hatten viele das Gefühl, jetzt muss der Krieg schnell beendet werden“, sagt Rapp.

In dieser Phase bildete sich auch erstmals ein überparteilicher Widerstand, weiß Rapp. Bis dahin kämpfte nämlich jede Gruppe de facto für sich, „weil man sich auch zu wenig kannte, um sich zu organisieren, und kein Vertrauen hatte“. Doch 1945 war das gemeinsame Ziel, sinnlose, verlustreiche Kämpfe zu verhindern. Die größte dieser Widerstandsgruppen war die Gruppe 05, die mit der militärischen Widerstandsgruppe im Wehrkreiskommando XVII in Wien in Verbindung stand.

100 Jahre NÖ Widerstand NS 2. WK Trauttmannsdorf


Stadtarchiv St. Pölten

Josef Trauttmansdorff-Weinsberg (1884 – 1945)

Gewaltfreie Übergabe St. Pöltens scheitert

Eine andere überparteiliche Gruppe war die Widerstandsgruppe Kirchl-Trauttmansdorff, die eine gewaltfreie Übergabe St. Pöltens an die sich der Stadt nähernde Rote Armee plante. Dazu wollten sie die Gestapo entwaffnen, deren Mitglieder festhalten und den Sowjets übergeben. Die erst im Frühjahr 1945 entstandene Gruppe bestand aus etwa 400 Mitgliedern. Die meisten davon waren Bauern und Arbeiter der Glanzstoff-Fabrik sowie zahlreiche Polizisten und Gutsbesitzer.

Doch kurz bevor die Sowjets die Stadt einnahmen – „etwa 30 Stunden davor“ –, wurde die Gruppe verraten. 13 führende Mitglieder wurden verhaftet, zum Tode verurteilt und am gleichen Tag erschossen. Noch am selben Tag erreichten die ersten sowjetischen Panzer Pottenbrunn (Bezirk St. Pölten), am 15. April wurde die Stadt von der Roten Armee eingenommen.

Tausende Widerstandskämpfer

Etwa 2.700 Österreicher wurden als aktive Widerstandskämpfer zum Tode verurteilt und hingerichtet, etwa 32.000 Österreicher (Widerstandskämpfer und Opfer präventiver Verfolgung) starben in Konzentrationslagern und Gefängnissen. Weitere etwa 15.000 Österreicher kamen als alliierte Soldaten, als Partisanen oder im europäischen Widerstand um. Und 100.000 Österreicher waren aus politischen Gründen inhaftiert.

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Nationale Gedenkstätte der WiderstandskämpferInnen gegen das NS-Regime am Wiener Zentralfriedhof

Die Befreiung Österreichs vom NS-Regime erfolgte zwar ausschließlich durch die Streitkräfte der Alliierten. Doch der Widerstandskampf diente in den folgenden Jahren der politisch-moralischen Rehabilitierung Österreichs und war im Hinblick auf den 1943 in der Moskauer Deklaration von den Österreichern geforderten eigenen Beitrag zu ihrer Befreiung von großem politischem Wert.

Österreich konnte damit nach dem Zweiten Weltkrieg als unabhängiges Land wiedererstehen. Das in Widerstand, Verfolgung und Emigration gewachsene Bekenntnis zu Österreich, zur staatlichen Unabhängigkeit und nationalen Eigenständigkeit wurde zu einer der wesentlichen geistig-politischen Grundlagen der Zweiten Republik.

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